WEINZEIT

Werden wir in 25 Jahren noch Wein trinken können?

Mit dem Vorhaben, mir diese Frage zu beantworten, nehme ich Anfangs April an diesjährigem Vinocamp Rheinhessen – Wein & Natur: Nachhaltig genießen, teil. Um sich mit der Nachhaltigkeit im Blick auf den Wein tiefer beschäftigen zu können, ist es erstmal wichtig zu wissen, was mit Nachhaltigkeit eigentlich gemeint ist. Auch wenn fast jeder bestimmt das Wort Nachhaltigkeit schon gehört hat, genauso jeder versteht unter diesem Begriff was anderes.

Sozial – ökologisch – ökonomisch

Einer der Teilnehmer von Vinocamp Rheinhessen 2022 ist Joachim A. J. Kaiser, ein langjähriger Anhänger der Nachhaltigkeit. Joachim präsentiert uns in der ersten Session daher sein Verständnis von der Nachhaltigkeit. Diese beinhaltet neben dem Ressourcen schonenden Umweltaspekt zwei weitere Aspekte: den sozialen und den wirtschaftlichen Aspekt. Das bedeutet, dass die Nachhaltigkeit mit mehr als nur mit der Umwelt zu tun hat. Vereinfacht gesagt, muss der Weinbauer sowie seine Mitarbeiter von seinem Wein leben können, er muss sich die Nachhaltigkeit aber auch leisten können um die Ressourcen, in diesem Fall die Böden, auf Dauer nutzen zu können. Joachim macht dabei auch auf die Dürreproblematik und die Erkrankungen der Weinreben, wie zum Beispiel die Esca, aufmerksam. Hier könnte die Stärkung der Pflanzen durch „Impfung“ Abhilfe schaffen. Oder neue, innovative Rebsorten einzupflanzen, die widerstandsfähig gegen die Trockenheit und Krankheiten sind. Oder die so tief wurzeln können, bis das Grundwasser erreicht werden kann, was die Bewässerung in der immer trockeneren Gebieten fast überflüssig machen würde.

Viele der konventionellen Weinbauer stehen aber noch diesen „neuen“ Rebsorten skeptisch gegenüber. Sie sorgen sich vor allem um den Absatz, den die Nachfrage nach den bislang mehr oder weniger unbekannten Rebsorten ist nicht einzuschätzen. Selbst die Mehrheit der biozertifizierten Weinbauer setzen auf die bewährten bekannten Rebsorten. Joachim sagt aber ganz eindeutig und ein wenig provokativ: „Den ökologischen Weinbau gibt es nicht!“ Den bei Biowein kann zum Beispiel Kupfer als Nervengift für unerwünschte Mikroorganismen eingesetzt werden. Ein Schritt weiter als der ökologische (Bio)Weinanbau geht der biodynamische Weinanbau. Nur diese Weine bekommen den Demeter-Siegel und/oder EcoVin-Siegel. Die nachhaltig produzierten Weine können auch den FAIR’N GREEN – Label erhalten.

Der Anbau der nachhaltigen Rebsorten ist eine Frage der Zeit. Anders gesagt, der Winzer muss heute schon überlegen, was er heute tun muss um in 25 Jahren noch auf dem Markt zu sein. Er muss außerdem über genügend Rücklagen verfügen, falls die Ernte auch mehrere Jahre hintereinander sehr schwach ausfällt. Mit dieser Problematik ist insbesondere die junge heranwachsende Generation der Winzer konfrontiert. Das verlangt von der jetzigen Winzergeneration sich eindeutig zu positionieren, innovativ zu denken und mutig zu handeln. Auch die Politik könnte dabei unterstützen und die Rahmenbedingungen für den nachhaltigen Weinbau schaffen.

Herkunft schmeckt

Die zweite Session, die ich beim Vinocamp Rheinhessen 2022 besuche, beschäftigt sich mit den sogenannten PIWI Weinen, die man auch „enkeltaugliche Weine“ zu bezeichnen vermag. Michael Reuther, PAR-zertifizierter Master (Wine) und Strategieberater für die Weingüter, weiht uns in das Thema der PIWI Weine ein. Einer der großen Schwierigkeiten im Weinbau bereitet der echte und falsche Mehltau. Es gibt aber auch Rebsorten, die widerstandsfähig gegen Pilzerkrankungen sind. Ich lerne dabei auch mir bisher nicht so gängige Rebsorten kennen, wie zum Beispiel Regent, Solaris, Sauvignac, Phönix, Muskaris oder Johanniter. Ich höre mit Begeisterung der Diskussion der Fachleute zu, die sich mit der Frage beschäftigen: Welchen Wein trinken wir in 10 bis 15 Jahren? Wie verhält es sich mit der Verfügbarkeit von Pflanzenmaterial? Wo pflanze ich diese hin? Alle sind sich bei der Frage nach der Vermarktung dieser Weine einig: Herkunft schmeckt! Auch wenn Naturwein bislang, zumindest in Deutschland, ein Nischenprodukt ist, wird er in 5 bis 8 Jahren eine bedeutende Rolle auf dem deutschen Weinmarkt spielen, da bin ich mir ziemlich sicher. Und das es hinter unseren Grenzen heutzutage längst soweit ist, kann man sich auf der Internetseiten von PIWI International bereits heute überzeugen.

Weniger ist mehr

Danach folgt eine äußerst informative Podiumsdiskussion zum Thema: „Was bedeutet nachhaltiger Weinbau?“ Marion Rockstroh-Kruft, die Veranstalterin von dem Vinocamp Rheinhessen 2022, lud dazu spannende Persönlichkeiten ein:
Prof. Dr. Emrich Gemmrich von dem Deutschen Institut für Nachhaltige Entwicklung e.V. an der Hochschule Heilbronn
Martin Darting von der Wine System AG
Lara Lambrich vom Weincampus Neustadt und Studentin MBA Wine, Sustainability & Sales
Kristine Bäder vom Weingut Wohlgemuth-Schnürr und
Hanneke Schönhals von der Bewegung Zukunftsweine.

Während der sehr informativen und spannenden Diskussion fallen unter anderem Stichworte wie:
Biodiversität und Artenvielfalt
Ist Bio nachhaltig?
Klimaneutralität bzw. klimaneutraler Wein
CO2-Reduzierung bei der Weinproduktion
Zertifierungssysteme FairChoice und EcoVin
Nachhaltigkeit in Deutschland versus Neuseeland, Kalifornien, Chile, Argentinien, Südafrika, Österreich und Italien
Verantwortung und Blick in die Zukunft
Wie ist mein eigener ganzheitlicher Lebensstil?

Mit vielen, für mich teilweise neuen Informationen nehme ich mir vor, mich ab jetzt und auch zukünftig mit dieser Thematik tiefgründig zu beschäftigen. Und das nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch und vor allem durch die neue Lebenseinstellung und Entscheidung für mehr Nachhaltigkeit in meinem eigenen Leben, vor allem auch, was den Weingenuss betrifft.

Was mich aber brennend interessiert, wie sieht es bei euch mit dem Thema Nachhaltigkeit aus?
Legt ihr besonderen Wert auf die Nachhaltigkeit in eurem alltäglichen Leben?
Und ist euch das Thema Nachhaltigkeit auch beim Wein wichtig? Wenn ja, wieso?

Ich bin sehr gespannt auf eure diesbezüglichen bisherigen Erfahrungen!

An dieser Stelle noch ein Dank an alle Sponsoren, ohne die die Organisation und Durchführung von dem Vinocamp Rheinhessen 2022 nicht möglich gewesen wäre. Danke an:
Rheinhessenwein e.V.
Weinerlebnis Rheinhessen
Staatl. Fachingen
BottleStops
IKuM GmbH
Ingelheimer Vinothek im Winzerkeller
WINE-System AG
wein.plus
Ingelheim erleben
Ingelheimer Winzerkeller
IBB Hotel Ingelheim
Zukunftsweine GmbH
MRK on Tour

Weitere Berichte:

Weitere Berichte über das Vinocamp Rheinhessen 2022

StadtLandWein
Update zum 4. Vinocamp Rheinhessen: „Auf der Spur des nachhaltigen Genusses“

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar zu Thorsten Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.